Tigray-Führung stellt alte Regierung wieder her, während Ethiopiens Friedensabkommen brüchig wird
Die politische Krise in Tigray hat sich von einer Nachkriegsblockade zu einer erneuten Bewährungsprobe für Ethiopiens Pretoria-Abkommen von 2022 entwickelt. TPLF-nahe Führungskräfte in Tigray haben regionale Institutionen aus der Vorkriegszeit wiederhergestellt, während Ethiopiens Bundesregierung und Eritrea einander wegen bewaffneter Gruppen, Grenzpositionen und des Erbes des Krieges von 2020 bis 2022 beschuldigen. Das Pretoria Agreement besagt, dass sich die Bundesregierung und die TPLF zu einer dauerhaften Einstellung der Feindseligkeiten, Entwaffnungsregelungen und dem Schutz der Zivilbevölkerung verpflichtet haben, doch seine sensibelsten Fragen bleiben ungelöst: die Kontrolle umstrittener Gebiete, der Status tigrayischer Kräfte, die Rolle Eritreas und die Rechenschaft für Gräueltaten. Die UN International Commission of Human Rights Experts on Ethiopia warnte 2023, dass Ethiopia weiterhin einem akuten Risiko weiterer Gräueltaten ausgesetzt sei. Für EU-Leser liegt der Schwerpunkt in der Sicherheitsbalance am Horn von Afrika, nicht in Belgien selbst: Ein erneuter Krieg im Norden würde die EU-Diplomatie, die humanitäre Politik und das Migrationsmanagement erschweren.
Dies ist vor allem für politisch interessierte belgische Einwohner, äthiopische und eritreische Diaspora-Gemeinschaften in Belgien, humanitäre NGOs und Mitarbeitende von EU-Institutionen relevant, die das Horn von Afrika verfolgen. Der European External Action Service und die EU-Mitgliedstaaten haben Ethiopia als wichtigen Partner in Diplomatie, Entwicklungshilfe und Migration behandelt; ein erneuter Krieg würde diese Beziehung belasten und könnte humanitäre Mittel umleiten. Belgische Leser sind im Alltag nicht direkt betroffen, aber Brussels ist einer der Orte, an denen die Reaktion der EU auf Instabilität am Horn mitgestaltet würde.
Tigray (nordäthiopische Region an der Grenze zu Eritrea und Sudan) war das Zentrum des Krieges von 2020 bis 2022. Die Tigray People’s Liberation Front (TPLF, ehemals dominierende äthiopische Regierungspartei und wichtigste politische Kraft Tigrays) unterzeichnete 2022 das Friedensabkommen mit Addis Ababa. Abiy Ahmed (Ethiopiens Premierminister seit 2018 und Friedensnobelpreisträger von 2019) führt die Bundesregierung. Eritrea (Staat am Roten Meer, der 1993 von Ethiopia unabhängig wurde) kämpfte während des Tigray-Krieges an der Seite äthiopischer Kräfte. Isaias Afwerki (Eritreas Präsident seit der Unabhängigkeit 1993) führt eines der geschlossensten politischen Systeme am Horn. Das Pretoria Agreement (von der African Union vermittelte Vereinbarung zur Einstellung der Feindseligkeiten, unterzeichnet am 2. November 2022 in Südafrika) beendete die Hauptphase der Kämpfe. Die African Union (kontinentale Organisation mit Sitz in Addis Ababa) vermittelte das Abkommen. Die UN International Commission of Human Rights Experts on Ethiopia (Gremium des UN Human Rights Council, aktiv von 2021 bis 2023) untersuchte mutmaßliche Kriegsverstöße.
Background
Eritreas Unabhängigkeit 1993 ließ Ethiopia ohne Meereszugang zurück, und die beiden Staaten führten von 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg, bevor es 2018 zu einer formellen Annäherung kam. Der Tigray-Krieg begann im November 2020 und endete mit dem von der African Union vermittelten Pretoria Agreement am 2. November 2022. Die UN International Commission of Human Rights Experts on Ethiopia berichtete 2023, dass mutmaßliche Verstöße mehrerer Parteien fortgesetzte Prüfung und Rechenschaft erforderten. Zusammenstöße in Tigray Anfang 2026, Vorwürfe über eine eritreische Beteiligung und Schritte der TPLF zur Wiederbelebung von Institutionen aus der Vorkriegszeit zeigen, wie brisant die ungelösten politischen und sicherheitspolitischen Klauseln der Einigung bleiben.
Opposing perspectives
- Äthiopische Bundesregierung
Äthiopische Bundesbehörden sagen, die zentrale Frage sei Souveränität: Die Pretoria-Einigung habe eine einzige nationale Verteidigungskraft anerkannt, die Entwaffnung tigrayischer Kräfte verlangt und die Zusammenarbeit mit feindlichen externen Kräften untersagt. Aus dieser Sicht sind erneute institutionelle Schritte der TPLF und mutmaßliche eritreische Verbindungen keine lokale Selbstverwaltung, sondern Bedrohungen der verfassungsmäßigen Ordnung, die Addis Ababa nach eigenen Angaben eindämmen muss.
- Tigrayische Führung / TPLF
Tigrayische Führungskräfte sagen, das Friedensabkommen sei durch verzögerte Umsetzung, ungelöste territoriale Kontrolle und unzureichenden Schutz für Tigrayer ausgehöhlt worden. Ihr stärkstes Argument lautet, dass die Wiederherstellung regionaler Institutionen eine defensive politische Reaktion auf die Nichteinhaltung durch die Bundesregierung sei, nicht der Versuch, den Krieg wieder aufzunehmen, der Tigray verwüstet hat.
- Eritreische Regierung
Eritreische Amtsträger weisen äthiopische Vorwürfe zurück und beschuldigen Addis Ababa, eine Bedrohung zu konstruieren, um Druck wegen des Zugangs zum Roten Meer zu rechtfertigen. Ihre stärkste Lesart ist, dass Ethiopiens Binnenlage und die jüngste Hafenrhetorik, nicht eritreisches Verhalten, das Risiko einer zwischenstaatlichen Konfrontation antreiben.
- UN-Gremien für menschenrechtliche Rechenschaft
Die UN International Commission of Human Rights Experts on Ethiopia stellte das Problem weniger als einzelnen Bruch einer Waffenruhe dar, sondern als Rechenschaftsvakuum. Ihre Dokumentation von 2023 argumentiert, dass mutmaßliche Verstöße mehrerer Parteien, schwache Ermittlungen und anhaltende Unsicherheit Bedingungen schaffen, unter denen erneute Gewalt sich wieder gegen Zivilisten richten könnte.
Sources & evidence
- Al Jazeera - Ethiopia must not be dragged back into war · 2026-06-11
- Associated Press - Ethiopia's prime minister accuses Eritrea of mass killings during Tigray war · 2026-02-03
- Associated Press - Ethiopia's national carrier cancels flights to Tigray region as fears grow of renewed fighting · 2026-01-30
- Le Monde - Why Ethiopia and Eritrea are once again on the brink of war · 2026-02-26
- African Union - Joint Statement between the Government of the FDRE and the TPLF · 2022-11-02
- African Union / Addis Standard mirror - Agreement for Lasting Peace through a Permanent Cessation of Hostilities · 2022-11-02
- OHCHR - International Commission of Human Rights Experts on Ethiopia documentation page · 2023-10-13
- ACLED - Ethiopia: Fresh clashes renew fears for a return to conflict - Jalale Getachew Birru, 2026 · 2026-02-02
