Ultraorthodoxe Demonstranten blockieren israelische Straßen wegen Einberufungsbefehlen
Ultraorthodoxe Proteste gegen Israels Wehrpflicht haben sich von einem seit Langem bestehenden politischen Streit zu Konfrontationen auf der Straße ausgeweitet, darunter Straßenblockaden, Angriffe auf Sicherheitskräfte und Versuche, Druck auf Richter auszuüben. Die israelische Polizei erklärte, Beamte hätten bei jüngsten Unruhen Demonstranten festgenommen, während der Oberste Gerichtshof Israels 2024 entschied, dass der Staat weitreichende Wehrdienstausnahmen für ultraorthodoxe Jeschiwa-Studenten ohne gesetzliche Grundlage nicht länger aufrechterhalten dürfe. Der Streit greift in die Koalition von Premierminister Benjamin Netanyahu ein, weil ultraorthodoxe Parteien erneute Schutzregelungen für Jeschiwa-Studenten fordern, während Israels Streitkräfte während des Gaza-Kriegs mehr Personal benötigen. Bei dem Thema geht es nicht nur um militärische Personalstärke. Es ist ein Test dafür, ob Israel Sicherheitsbedürfnisse im Krieg, religiöse Autonomie und Gleichheit vor dem Gesetz miteinander vereinbaren kann, ohne gesellschaftliche Brüche im Land weiter zu vertiefen.
Für belgische Leser, die Israel verfolgen, erklärt der Streit mit, warum Netanyahus Regierung innenpolitisch unter Druck steht, auch wenn der Gaza-Krieg die Schlagzeilen dominiert. Er ist relevant für jüdische Gemeinschaften in Belgien, Beobachter der Nahostpolitik, belgische Diplomaten, Mitarbeitende von EU-Institutionen und Wähler, die die Beziehungen zwischen EU und Israel verfolgen, weil innenpolitische Instabilität Israels Kriegspolitik, die Haltbarkeit der Koalition und Reaktionen auf äußeren Druck prägen kann. Das Kernthema ist israelisch, doch die Folgen fließen in einen Konflikt ein, über den Belgien und die EU bereits diplomatisch, rechtlich und gesellschaftlich debattieren.
Ultraorthodoxe Juden, in der israelischen Politik oft Haredim genannt, sind eine streng religiöse jüdische Gemeinschaft, deren viele männliche Studenten ganztägig in Jeschiwas lernen, statt in der Armee zu dienen. Die Israel Defense Forces sind Israels Militär, das sich für die meisten jüdischen Bürger auf Wehrpflicht stützt. Jeschiwas sind jüdische religiöse Seminare, in denen das Studium von Tora und Talmud eine Vollzeitberufung sein kann. Benjamin Netanyahu ist Israels Premierminister und Vorsitzender von Likud; er regiert über eine Koalition, der ultraorthodoxe Parteien angehören. Likud ist Israels wichtigste rechte Partei und war in mehreren Regierungen auf religiöse Partner angewiesen. Shas ist eine ultraorthodoxe Partei, die vor allem in sephardischen und mizrachisch-jüdischen Gemeinschaften verwurzelt ist. United Torah Judaism ist ein aschkenasisches ultraorthodoxes Bündnis. Der Oberste Gerichtshof Israels ist das höchste Gericht des Landes und hat wiederholt in den Streit um Wehrdienstausnahmen eingegriffen. Noam Sohlberg ist Richter am Obersten Gerichtshof, dessen Wohnhaus zum Ziel von Protestdruck wurde.
Background
Israels ultraorthodoxer Wehrpflichtstreit reicht bis in die Frühzeit des Staates zurück, als Premierminister David Ben-Gurion einer kleinen Zahl religiöser Studenten erlaubte, ihren Dienst aufzuschieben. Die Regelung weitete sich aus, als die Haredi-Bevölkerung wuchs und politisch besser organisiert wurde. Der Oberste Gerichtshof Israels kippte Ausnahmeregelungen 1998, 2012 und 2017 und drängte Regierungen dazu, ein gerechteres System gesetzlich zu regeln. Am 25. Juni 2024 entschied der Oberste Gerichtshof, dass der Regierung die Befugnis fehle, Jeschiwa-Studenten ohne gültiges Gesetz weiterhin auszunehmen. Der Gaza-Krieg verschärfte den Streit, indem er den militärischen Personalbedarf und die öffentliche Wut über ungleiche Dienstlasten erhöhte.
Opposing perspectives
- Ultraorthodoxe Parteien (Shas und United Torah Judaism)
Ultraorthodoxe Parteien argumentieren, dass ganztägiges Torastudium ein zentrales öffentliches Gut für religiöses jüdisches Leben sei und dass eine erzwungene Einberufung eine Gemeinschaft untergraben würde, die auf Jeschiwa-Bildung aufgebaut ist. Ihr stärkstes Argument ist, dass Integration nicht durch Festnahmen oder gerichtlichen Druck erzwungen werden könne, ohne das Vertrauen zwischen dem Staat und einer großen religiösen Minderheit zu beschädigen.
- Israelische säkulare und Reservisten-Milieus
Säkulare Israelis und viele Reservistenfamilien argumentieren, dass Dienstpflichten im Krieg gerechter verteilt werden müssten. Ihr stärkstes Argument ist, dass ein System, das einige Bürger auffordert, Jahre des Dienstes, der Mobilisierung und des Kampfeinsatzes zu riskieren, während andere pauschale Ausnahmen erhalten, während eines langen Krieges keine öffentliche Zustimmung aufrechterhalten könne.
- Oberster Gerichtshof und Befürworter des Rechtsstaats
Die Position des Obersten Gerichtshofs ist, dass die Regierung Massenausnahmen nicht durch Verwaltungspraxis bewahren könne, sobald die gesetzliche Grundlage ausgelaufen ist. Der stärkste rechtsstaatliche Rahmen lautet, dass Koalitionsverhandlungen Gleichheitsgrundsätze und gesetzliche Grenzen nicht außer Kraft setzen können, insbesondere wenn staatliche Finanzierung und Wehrpflicht betroffen sind.
Sources & evidence
- Al Jazeera · 2026-06-12
- Associated Press · 2026-06-01
- The Times of Israel · 2026-06-12
- Reuters · 2024-06-25
- Supreme Court of Israel · 2024-06-25
- Stiftung Wissenschaft und Politik, The Haredim as a Challenge for the Jewish State · 2020-06-01
